»Wir sollten uns nur wundern, dass wir uns überhaupt noch wundern können.«
François de La Rochefoucauld (1613 bis 1680), frz. Offizier, Diplomat und Schriftsteller
»Es verwundert nicht, dass …«: Diese Formulierung kommt mir beim Lektorieren ziemlich oft unter. In ihr sind zwei Formen gemischt, die zwar inhaltlich ähnlich sind, grammatisch aber gar nicht so viel miteinander zu tun haben. Schauen wir mal genauer hin.
Da wäre zunächst das Verb »wundern«. Es bezieht sich immer auf eine Person: Jemand kann sich wundern, zum Beispiel über eine andere Person oder über einen Sachverhalt. Genauso kann auch etwas jemanden (Akkusativ) wundern. Entsprechende Aussagen können zum Beispiel so lauten:
Ich wundere mich, dass es noch immer keine Neuigkeiten gibt.
Es wundert mich, dass du noch nicht losgegangen bist.
Möglich ist auch »verwundern«, ebenfalls mit persönlichem Bezug (»Es verwundert mich nicht, dass es nicht funktioniert.«; »Ich habe mich sehr über dein Verhalten verwundert.«). Allerdings klingt diese Variante gestelzt und auch etwas antiquiert. Da die Vorsilbe »ver-« außerdem keinen inhaltlichen Mehrwert zu »wundern« bietet, können Sie sie auch gleich weglassen.
Ist die Aussage allgemeiner, hat sie also keinen Bezug zu einer bestimmten Person, wird aus dem Verb »wundern« das Adjektiv »verwunderlich«. Ein Adjektiv beschreibt keine Tätigkeit, sondern einen Zustand:
Es ist nicht verwunderlich, dass ich so müde bin.
Die Formulierung im ersten Absatz (»Es verwundert nicht, dass …«) ist eine Mischform aus diesen Varianten, und die ist falsch.
Lieber Herr Fink, ich hatte in der Tat überlegt, zumindest »nahe« auch noch in diesen Newsletter aufzunehmen, das hätte dann…
Liebe Frau Topka, ich umarme Sie! Diese Genitiverei nervt mich seit Jahren. Zu den von Ihnen genannten üblichen Verdächtigen darf…
Sprachliche Kopplungen zeigen, wie kleine formale Entscheidungen die Lesbarkeit beeinflussen. Die konkreten Beispiele machen das Thema sehr anschaulich.
Ist mir ein Vergnügen :-)
Vielen lieben Dank dafür!